Christophe André, Psychiater: „Als ich duschte, merkte ich, dass ich nicht ganz allein war“
In dieser neuen Kolumne erzählt der Psychiater Christophe André, wie ihn eine einfache Dusche zu einer unerwarteten Erfahrung geführt hat. Ein banaler Moment, der ihn erkennen ließ, wie sehr wir fast alle im Alltag einem Reflex folgen.
Neulich, als ich duschte, merkte ich, dass ich nicht ganz allein war: Da waren jede Menge Leute bei mir, Kolleginnen und Kollegen, Nahestehende, Nachbarn. Ja, ja, sie waren da, bei mir, unter der Dusche! Zugegeben, es spielte sich in meinem Kopf ab, aber trotzdem: Während ich duschte, war mein Geist ins Abschweifen geraten und dachte an den bevorstehenden Tag, an die Gespräche vom Vortag usw.
Wenn wir in den Autopiloten schalten, ohne es zu merken
Ich verstand, dass ich an jenem Morgen nicht achtsam duschte. Also fokussierte ich mich wieder auf den gegenwärtigen Moment: der Duft der Seife, das Wasser, das über meine Schultern rinnt, die Bewegungen, die ich beim Waschen ausführe … Achtung, ich sage nicht, dass es schlecht ist, in (geistiger) Gesellschaft anderer zu duschen. Aber ab und zu ist es auch angenehm und beruhigend, allein und ganz bewusst zu duschen. Jedenfalls hat mich das Erlebnis amüsiert, und ich beschloss in jener Woche, meine morgendliche Dusche zu einem Beobachtungsfeld zu machen.
Am nächsten Tag beobachtete ich zum Beispiel, dass ich immer die gleichen Handgriffe machte, in der gleichen Reihenfolge: die Seife mit dieser Hand nehmen, mit dem Reinigen dieses Körperteils beginnen, bevor der nächste dran ist, usw. Es ist erstaunlich und interessant festzustellen, wie oft wir im Autopilot-Modus unterwegs sind. Um nicht wie ein Roboter zu leben, brachte ich daher an diesem Tag und an den folgenden etwas Unordnung in meine Rituale. Am übernächsten Tag duschte ich, während ich an all die Badezimmer dachte, die ich in meinem Leben gekannt hatte, und fragte mich dann, ob sich die Beweglichkeit meines Körpers verändert hatte: Konnte ich die auf den Boden gefallene Seife noch immer leicht aufheben? Einen Fuß waschen, während ich auf dem anderen das Gleichgewicht hielt?
Den Geschmack an den kleinen alltäglichen Glücksmomenten wiederfinden
Einen Tag später stellte ich mich sofort unter die Dusche, bevor ich den Hahn aufdrehte, und begann daher unter kaltem Wasser, während ich wartete, bis das warme Wasser kam. Um zu sehen. Ich sah: au! Im ersten Moment überhaupt nicht angenehm, aber danach gar nicht so schlimm. Das macht wach!
An einem weiteren Tag dachte ich über das Konzept der hedonischen Habituation nach. Dieser Begriff bezeichnet unsere Fähigkeit, die kleinen, einfachen Glücksmomente zu vergessen, weil sie alltäglich sind: uns darüber zu freuen, am Leben zu sein, Freunde zu haben, eine Arbeit, in einer Demokratie zu leben und … warmes Wasser zu haben. An jenem Morgen freute ich mich über all die guten Dinge in meinem Leben, die ich zu vergessen neigte. Schließlich nahm ich am Ende der Woche wieder eine achtsame Dusche, um daraus einen reinen Moment der Sinneswahrnehmung zu machen: Geräusche, Düfte, Empfindungen auf der Haut und im Körper … Beruhigend!
Sind diese Psychiater verrückt? Vielleicht ein bisschen. Aber nicht völlig: All diese kleinen Perspektivwechsel in einem alltäglichen Moment verbessern unsere kognitive Flexibilität, unsere geistige Beweglichkeit, sie bereichern unseren Blick auf das Leben. Und Sie: Was machen Sie unter der Dusche?
Als Facharzt für Psychiatrie ist er unter anderem Autor von S’estimer et s’oublier (Odile Jacob, 2024) sowie Vivre avec, vivre après, zusammen mit Cloé Brami und Violaine Forissier (L’Iconoclaste, Sonderpreis der Redaktion Psychologies 2025). Finden Sie seine Video-Kolumnen auf dem Instagram-Account @psychologies_
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