Schizophrenie, Depression und Anorexie hätten laut einer groß angelegten Studie gemeinsame Gene
Diese in der Zeitschrift "Nature" veröffentlichte bedeutende Neuerung in der Psychiatrie könnte unser Verständnis psychischer Störungen weiterentwickeln und neue therapeutische Ansätze aufzeigen.
Schizophrenie, Anorexie, Bipolarität oder auch Depression gelten in der Regel als voneinander getrennte psychische Störungen – mit unterschiedlichen Symptomen, Verläufen und Behandlungen. Eine internationale wissenschaftliche Studie, die am 10. Dezember 2025 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, zeigt jedoch, dass viele dieser Erkrankungen einen Teil derselben Gene teilen. Diese Entdeckung, die auf der Analyse umfangreicher Daten beruht, lädt dazu ein, die Art und Weise, wie wir psychische Gesundheit verstehen, neu zu denken. Die Arbeiten, die vom internationalen Konsortium Cross-Disorder Psychiatric Genomics geleitet wurden, stützten sich auf genetische Daten von mehr als einer Million Patientinnen und Patienten mit psychiatrischen Störungen, die mit denen von Personen ohne Diagnose verglichen wurden. Die Studie umfasst 14 psychische Störungen, darunter Schizophrenie, bipolare Störungen, Depression, Angststörungen, Anorexia nervosa, die Zwangsstörung (Zwangsstörung), Autismus sowie ADHS. Ziel war es festzustellen, ob jede Störung auf spezifischen genetischen Mechanismen beruht oder ob bestimmte biologische Vulnerabilitäten mehreren Erkrankungen gemeinsam sind.
„Familien“ von Störungen statt strikter Grenzen
Erste Erkenntnis: Die meisten genetischen Einflüsse sind nicht auf eine einzige Störung beschränkt. Die Forschenden zeigen, dass dieselben DNA-Variationen das Risiko erhöhen können, mehrere Formen psychischer Störungen zu entwickeln.
So identifizierten sie große genetische Cluster bzw. „Familien“, die mehrere Diagnosen zusammenfassen. Zum Beispiel:
- Anorexia nervosa und Zwangsstörung teilen Mechanismen, die mit zwanghaftem Verhalten zusammenhängen;
- Depression und Angststörungen gehören zu einem gemeinsamen, sogenannten „internalisierten“ Cluster;
- Autismus und ADHS sind einer neuroentwicklungsbezogenen Gruppe zuzuordnen.
Das auffälligste Ergebnis betrifft jedoch Schizophrenie und bipolare Störungen. Diese beiden Erkrankungen, die oft als sehr unterschiedlich wahrgenommen werden, weisen tatsächlich eine starke genetische Nähe auf, was auf gemeinsame biologische Vulnerabilitäten hindeutet.
Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis psychischer Gesundheit
In der Praxis entwickeln viele Menschen im Laufe ihres Lebens mehrere Störungen: Angst und Depression, Essstörungen und Zwangsstörung, Bipolarität mit psychotischen Symptomen. Bislang konnten diese Überschneidungen schwer zu erklären sein. Die Studie zeigt, dass sie teilweise gemeinsame Gene widerspiegeln, deren Ausprägung je nach Umwelt, Lebensgeschichte, Gehirnentwicklung und anderen biologischen Faktoren variiert. Mit anderen Worten: Dieselbe genetische Grundlage kann sich von Person zu Person unterschiedlich ausdrücken – was erklärt, warum diagnostische Grenzen nicht immer klar sind.
Die Autorinnen und Autoren betonen einen wesentlichen Punkt: Diese Ergebnisse stellen die aktuellen Diagnosen nicht infrage, die weiterhin unverzichtbar sind, um Versorgung und Behandlung zu steuern. Es geht auch nicht darum zu sagen, dass „alles genetisch“ sei. Zwar erhöhen Gene das Risiko, bestimmen aber nicht allein das Auftreten einer Störung. Psychologische, soziale und umweltbedingte Faktoren spielen eine zentrale Rolle. Diese Studie ebnet dennoch den Weg für einen stärker integrierten Ansatz der psychischen Gesundheit. Langfristig könnte sie helfen, besser zu verstehen, warum bestimmte Störungen gemeinsam auftreten, die Forschung auf Behandlungen auszurichten, die gemeinsame Mechanismen anvisieren, und dazu beitragen, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu verringern.
Referenzen
- Grotzinger, A.D., Werme, J., Peyrot, W.J. et al. Mapping the genetic landscape across 14 psychiatric disorders. Nature (2025). doi.org/10.1038/s41586-025-09820-3
Folge uns in unseren sozialen Netzwerken, um keinen unserer nächsten Artikel zu verpassen.