„Ich hatte Angst, man würde mir eine frühe Alzheimer-Erkrankung diagnostizieren“: Mit 53 entdeckt Angèle, was wirklich hinter ihren Gedächtnislücken steckte
Bevor wir in Panik geraten, sollten wir uns an diesen Punkt erinnern: Es gibt ebenso viele Gründe, „alles“ zu vergessen, wie es Möglichkeiten gibt, unser Gedächtnis zu trainieren. Der Ursache dieser Aussetzer nachzugehen, ist ein erster hilfreicher und beruhigender Schritt.
„Seine Schlüssel verlegen, das Urlaubsziel vom letzten Jahr vergessen, Schwierigkeiten haben, sich an den Namen einer Persönlichkeit oder eines Films zu erinnern, der einem doch „auf der Zunge liegt“ … Wir alle haben uns irgendwann einmal über unser schwaches Erinnerungsvermögen beklagt. Natürlich ist Vergessen ein natürlicher Prozess, der dem Gehirn hilft, eine Informationsüberlastung zu vermeiden und Platz für neue, nützlichere Inhalte zu schaffen. Wenn die Aussetzer jedoch zu häufig werden, können sie unseren Alltag auch erheblich erschweren, Stress erzeugen sowie das Selbstwertgefühl oder soziale Beziehungen beeinträchtigen.
Der Geist ist überfordert
„Vor zwei Jahren hatte ich eine schwierige Phase: Ich vergaß meine Termine, ich hatte das Gefühl, verrückt zu werden. Ich hatte Angst, man würde mir eine frühe Alzheimer-Erkrankung diagnostizieren, aber tatsächlich war es ein Burn-out“, erinnert sich Angèle, 53 Jahre alt. Das Gedächtnis zu mobilisieren erfordert Energie und Ressourcen, die wir nicht immer haben. „Wenn wir von Emotionen oder Stress überflutet werden, konzentriert sich unser Körper auf lebenswichtige Funktionen und weniger auf komplexere kognitive Prozesse“, analysiert die Psychologin Hélène Weber, Autorin von Objectif mémoire (Eyrolles, „Poche“, 2022). Gedächtnislücken können sich auch durch hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren verstärken oder auch bei Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS).
„Beschwerden rund um das Gedächtnis verbergen sehr häufig ein Aufmerksamkeitsproblem, eine mentale Überlastung oder sogar eine Depression“, meint Roland Vocat, Neuropsychologe in der „Gedächtnis“-Sprechstunde des Spitals Wallis in der Schweiz. „In solchen Fällen empfehlen wir unseren Patientinnen und Patienten, sich zunächst um ihr Unwohlsein zu kümmern, denn ihre Gedächtnisprobleme sind nur sekundäre und vorübergehende Störungen.“
Ich vergesse, was mich nicht interessiert
„Gedächtnis hängt auch mit Motivation zusammen: Wenn man an etwas nicht interessiert ist, fällt es einem viel schwerer, sich daran zu erinnern“, fährt Roland Vocat fort. Wer besonders sensibel für Architektur ist, wird sich etwa an alle Städte, die er besucht hat, detailliert erinnern, während andere vom selben Trip vielleicht ganz andere Bilder behalten.
„Man kann sein Interesse nicht erzwingen: Das Gehirn entscheidet gewissermaßen von selbst, ob eine Information es wert ist, gespeichert zu werden und ob sie uns in Zukunft nützlich sein kann“, erklärt der Spezialist weiter. „Wenn ich zum Beispiel eine Schlange sehe, werde ich nicht vergessen, dass ich ausweichen muss, weil das für mein Überleben relevant ist.“
Ich schütze mich vor einem Ereignis
„Ich habe ein Abendessen mit meiner besten Freundin komplett vergessen, was mir sonst nie passiert“, erzählt Léa, 43 Jahre alt. „Im Nachhinein denke ich, es war ein Fehlakt: Wir waren ein bisschen zerstritten und eigentlich hatte ich gar nicht so große Lust hinzugehen.“ „Manchmal ist es für uns leichter zu vergessen, als uns einzugestehen, dass wir Aggressivität gegenüber jemandem empfinden“, analysiert Hélène Weber.
Wie Freud in Psychopathologie des Alltagslebens (Payot, „Petite Bibliothèque“, 2022) erklärt, ist Vergessen manchmal eine Art, uns vor unangenehmen Vorstellungen zu schützen, die in uns Scham oder Schuldgefühle auslösen. Als unbewusster Abwehrmechanismus kann die traumatische Amnesie zudem – zumindest für eine Zeit – zu schmerzhafte Ereignisse aus unserem Gedächtnis löschen … Ob klein oder groß, harmlos oder ernster: Unsere Vergesslichkeiten sagen auch viel über uns aus!
4 Tipps, um das Gedächtnis zu pflegen
Ihre Erinnerungen reaktivieren. „Ohne Reaktivierung sind wir dazu verdammt zu vergessen, was wir lernen“, betont Hélène Weber. „Eine Erinnerung ist ein Netzwerk von Neuronen mit synaptischen Verbindungen: Je öfter diese Erinnerung erneut aufgerufen und in anderen Kontexten genutzt wird, desto stärker und dichter werden die Verbindungen.“
Notieren, nachlesen, durchstreichen. „Tragen Sie Ihre Termine in einen Kalender ein, lesen Sie sie regelmäßig nach, streichen Sie durch, was Sie bereits erledigt haben“, schlägt Roland Vocat vor. „Alle Informationen an einem Ort zu bündeln hilft Ihrer Aufmerksamkeit, sich besser zu fokussieren.“
Ihre mentale Belastung reduzieren. „Erinnerungen auf dem Handy einstellen, Listen machen … Es gibt Tricks, um das Gehirn zu entlasten“, versichert Hélène Weber. „Wenn Sie ständig vergessen, Ihre Medikamente zu nehmen, legen Sie sie neben Ihre Zahnbürste: Sie mit einer Aufgabe zu verknüpfen, die Sie jeden Tag erledigen, hilft Ihnen, daran zu denken.“
Abklären, ohne zu dramatisieren. Den Ursprung Ihrer Gedächtnislücken zu verstehen, kann Sie davor bewahren, immer vom Schlimmsten auszugehen. „Bei Alzheimer merkt man seine Gedächtnisprobleme nicht“, versichert Roland Vocat. „Sich dessen bewusst zu sein, verbirgt viel häufiger ein Aufmerksamkeitsproblem oder eine mentale Überlastung.“
Marines Lösung, 48 Jahre: „Ich versuche, mehr im Hier und Jetzt zu sein“
„Wenn man mir jemanden vorstellte, behielt ich mir seinen Vornamen nie, weil ich in Wirklichkeit an etwas anderes dachte und auch nicht besonders Lust hatte, neue Leute kennenzulernen. Heute versuche ich, mich mehr auf den Moment zu konzentrieren, wirklich zuzuhören, was man mir sagt, ohne ständig daran zu denken, was ich danach tun muss oder was um mich herum passiert. Wenn ich etwas vergesse, sehe ich das weniger als Scheitern: Ich sage mir einfach, dass ich an diesem Tag müde war und auf mich achten muss.“
Lesetipp: Je booste ma mémoire ! von Marine Giacomoni-Pinelli. Siebzig Übungen, die von einer Neuropsychologin erdacht wurden, um das Gedächtnis spielerisch zu stimulieren (Larousse, 2026).
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