„Ich brauche niemanden“: Erwachsene, die so denken, haben diese Lektion laut der Psychologin oft sehr früh gelernt
Unabhängig, effizient, nie bedürftig: Wer schwört, niemanden zu brauchen, verbirgt oft eine ältere Geschichte.
Man bewundert sie. Sie ziehen allein um, bewältigen Krisen ohne mit der Wimper zu zucken und antworten bei jedem besorgten Anruf: „Alles gut, ich kriege das hin.“ Hinter dieser Rüstung sieht die Bindungspsychologie mehr als nur einen Charakterzug. Ein Kind, dessen Rufe unbeantwortet bleiben, lernt schnell, nicht mehr zu rufen. Diese Lektion trägt es manchmal jahrzehntelang mit sich – bis in Freundschaften und Liebesbeziehungen hinein –, ohne sich überhaupt daran zu erinnern, sie gelernt zu haben.
Eine Überlebensstrategie
Die Forscher Mario Mikulincer und Phillip Shaver beschreiben diesen Mechanismus seit Langem. Wenn ein Elternteil die Bedürfnisse seines Kindes abtut oder missbilligt, entwickelt das Kind sogenannte „Deaktivierungs“-Strategien: Es vermeidet, Trost zu suchen, spielt seine Gefühle herunter und zieht sich auf sich selbst zurück. In ihren Arbeiten bringen sie vermeidende Bindung mit einer zwanghaften Autonomie und einem Misstrauen gegenüber dem guten Willen anderer in Verbindung. Es ist also keine pure Stärke, sondern eine Anpassung an ein Umfeld, das nicht reagierte.
Hält diese Prägung der Zeit stand? Eine 2020 in der Zeitschrift Emotion veröffentlichte Studie stützt sich auf die Minnesota Longitudinal Study of Risk and Adaptation, die Teilnehmende seit der frühen Kindheit begleitet. Die Wissenschaftler prüfen darin, ob die beim Säugling beobachtete Bindung zwanzig bis fünfunddreißig Jahre später vorhersagen kann, wie diese Erwachsenen ihre Emotionen in Beziehungen regulieren. Ihr Fazit: Frühe Unsicherheit hinterlässt tatsächlich eine dauerhafte Spur. Anders gesagt: Wer mit 40 nur auf sich selbst zählt, hat oft lange bevor er lesen konnte gelernt, so zu handeln. Das ist kein Schicksal, erklärt aber, warum schon eine einfache ausgestreckte Hand ihn nur mühsam zum Umdenken bewegt.
Kein Schuldiger – und kein Schicksal
Was wiegt am stärksten? Die Feinfühligkeit der Eltern, also ihre Fähigkeit, die Signale des Kindes wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Eine in Psychological Bulletin erschienene Metaanalyse, die 174 Studien und fast 23.000 Eltern-Kind-Duos umfasst, verknüpft diese Feinfühligkeit mit Bindungssicherheit. Sie ist zudem negativ mit vermeidender Bindung assoziiert. Ein realer, aber bescheidener Zusammenhang: Die Kindheit erklärt nicht alles, und kein Elternteil ist perfekt.
Die gute Nachricht: Daran kann man arbeiten. Eine Metaanalyse von 70 Studien zeigt, dass frühe Interventionen die elterliche Feinfühligkeit verbessern und Bindungsunsicherheit verringern. Im Erwachsenenalter sieht der Weg ähnlich aus: die eigenen Bedürfnisse erkennen und dann wagen, sie auszudrücken – in kleinen Schritten, mit vertrauten Personen oder einer Therapeutin bzw. einem Therapeuten. Um einen Gefallen bitten, Hilfe annehmen: Diese winzigen Gesten schreiben die ursprüngliche Lektion nach und nach um.
Folge uns in unseren sozialen Netzwerken, um keinen unserer nächsten Artikel zu verpassen.