Der Hunger hat 3 Gesichter (physiologisch, emotional und konditioniert), und sein Verständnis könnte die Beziehung zum Körper verändern
Warum essen wir wirklich? Laut Dr. Jason Fung folgt unser Appetit drei ganz unterschiedlichen Logiken, deren Verwechslung viele Schwierigkeiten mit dem Körper und dem Gewicht erklären könnte.
Sie bleiben hungrig, aber worauf? Oft glaubt man, dass Essen nur auf ein einziges Gefühl antwortet. Doch in seinem kommenden Buch Den Hunger entschlüsseln (Eyrolles, Erscheinungsdatum: 3. September) lädt der kanadische Arzt Jason Fung, ein anerkannter Spezialist für Fasten und Ernährung, dazu ein, diesen alltäglichen Reflex völlig neu zu denken. Für ihn ist der Appetit kein einheitliches und eindeutiges Signal: Er umfasst in Wirklichkeit drei ganz unterschiedliche Mechanismen. Diese vermischen und verwirren sich ständig in unseren Tellern. Zu verstehen, welches der drei uns dazu bringt, den Kühlschrank zu öffnen, wäre laut dem Autor ein entscheidender Schlüssel, um die klassischen Diätvorgaben zu durchbrechen und ein gelasseneres Verhältnis zu Essen und Körper zu finden.
Die drei Arten von Hunger
Der erste, der intuitivste, ist der physiologische Hunger. Er steht für ein echtes Bedürfnis des Körpers nach Energie: Der Magen knurrt, der Blutzuckerspiegel sinkt, der Körper verlangt nach Treibstoff. Es ist der Hunger, den man als „biologisch“ bezeichnen könnte, den unsere Vorfahren einfach zu stillen suchten, um zu überleben.
Aber der Mensch isst nicht nur, um zu überleben. Es gibt auch einen hedonistischen Hunger, der auf Vergnügen und Trost abzielt: Man knabbert, um sich wohlzufühlen, Stress oder Emotionen zu beruhigen, unabhängig von einem echten Energiebedarf. Schließlich stellt sich eine dritte Form schleichend mit den Gewohnheiten ein: der konditionierte Hunger. Er tritt nicht auf, weil der Körper ihn braucht, sondern weil ein bestimmter Kontext (eine Uhrzeit, ein Ort, ein Geruch, eine Routine) automatisch die Lust, zu essen, auslöst, ähnlich wie ein erlernter Reflex.
Wenn das Umfeld den Teller diktiert
Genau diese dritte Dimension, die sozialste, hält Jason Fung für die am meisten unterschätzte. Laut ihm formen Umfeld, Familie und Freundeskreise unser Essverhalten weit mehr, als wir denken, oft ohne dass wir es merken. Er illustriert dieses Phänomen mit einem eindrucksvollen Beispiel: Eine Person, die in eine Region zieht, in der Fettleibigkeit häufiger vorkommt, neigt statistisch dazu, ebenfalls an Gewicht zuzunehmen, einfach weil sie allmählich die Essgewohnheiten ihres neuen Lebensraums übernimmt.
Diese Intuition deckt sich mit bekannten wissenschaftlichen Arbeiten der sozialen Epidemiologie. Die von den Forschern Nicholas Christakis und James Fowler durchgeführte Langzeitstudie, die 2007 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, zeigte bereits, dass Gewichtszunahme sich innerhalb sozialer Netzwerke wie eine Form des Verhaltens-„Kontagion“ ausbreitete: Das Risiko, fettleibig zu werden, stieg signifikant, wenn ein enger Freund es selbst wurde. Die Ernährungsnormen würden folglich mehr durch Nachahmung und Gruppenzugehörigkeit als durch bloßen individuellen Willen übertragen. Eine Erkenntnis, die sowohl entlastet als auch unsere täglichen Umfelder in Frage stellt. Für Jason Fung geht es nicht darum, sich auf diesen kollektiven Einfluss als Ausrede zu stützen, sondern ihn zu erkennen, um bewusst handeln zu können. Laut ihm wäre es der erste Schritt zu freieren Entscheidungen, wenn man erkennt, ob ein Essverlangen aus dem Körper, der Emotion oder einer kollektiven Gewohnheit stammt.
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